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Die Sammlung des Urins  
 
 
Bei der Gewinnung des Urins gilt es zu unterscheiden zwischen 
  • dem Zeitpunkt der Urinsammlung bzw. der Sammelperiode und 
  • der dabei verwendeten Technik.

 

Zeitpunkt der Urinsammlung 
Spoturin / Spontanurin 
Häufigste und einfachste Form der Urinsammlung. Der Urin wird zu einem beliebigen Zeitpunkt entnommen. Spontanurin ist daher häufig bei Notfalluntersuchungen. 

Morgenurin 
Man unterscheidet zwischen dem ersten Morgenurin, der dem während der Nacht produzierten Urin entspricht, und dem sogenannten zweiten Morgenurin.

Der erste Morgenurin ist in der Regel sauer und konzentriert. Er eignet sich daher besonders zum Nachweis von Bakterien und Nitrit sowie einer Proteinurie, sofern man nicht 24-Stunden Urin sammeln kann. 

Es ist allerdings zu bedenken, dass Zellen und Zylinder über Nacht bereits aufgelöst werden können (Leukozyten und Erythrozyten sind dann nur noch chemisch nachweisbar). Vorallem bei bakteriellem Befall des Urins kann auch Glucose abgebaut werden, so dass falsch tiefe U-Glucosewerte gemessen werden.  

Auch ein stark saures Urin-pH hat nicht nur Vorteile: so ist bekannt, dass Amylase im sauren Urin nicht stabil ist, insbesondere bei einem pH unter 5 wird sie schnell inaktiviert. 

Für den zweiten Morgenurin wird die Harnblase am Morgen zuerst entleert und nach einem bestimmten Zeitintervall eine zweite Urinprobe genommen (second void). Dieser Urin wird vor allem zur Bestimmung der Glucoseausscheidung empfohlen. 

Der Sammelurin 
Der Urin wird während einer vorgegebenen Zeit (theoretisch vollständig) gesammelt. 

d-Urin = 24-Stunden Urin. Am häufigsten ist sicher der während 24 Stunden gesammelte Urin (=d-Urin). Der Vorteil ist, dass damit die tageszeitlichen Schwankungen der Ausscheidung ausgeglichen werden. 

Die Sammlung des Urins über 24 Stunden gilt zu recht als mühsam und daher als unzuverlässig. Die Vollständigkeit der Urinsammlung hängt entscheidend von der Mitarbeit und damit der Instruktion des Patienten ab. Die Urinsammlung wird manchmal durch eine gleichzeitige Defäkation vereitelt; beträgt die Sammelperiode bis zu diesem Ereignis allerdings bereits 18 oder mehr Stunden, so ist es zulässig die Untersuchungen im bereits vorliegenden Spezimen durchzuführen und die Ergebnisse entsprechend auf 24 Stunden umzurechnen.

Ein weiteres Problem ist die geforderte Genauigkeit bei der Messung des Urinvolumens: sie ist auf 1% des Gesamtvolumens auszuführen, was einer Messungenauigkeit von 10 mL entspricht. 

Empfohlen wird folgendes Vorgehen: der Patient erhält ein 2 Liter fassendes Sammelgefäss (bei Bedarf mit entsprechendem Konservierungsmittel). Am Morgen des ersten Tages leert der Patient die Harnblase zu einem bestimmten Zeitpunkt. Dieser Urin gehört nicht zur Urinsammlung und wird daher verworfen. Von nun an sammelt der Patient allen Urin. Genau 24 Stunden nach Sammelbeginn wird die Blase noch einmal geleert; diese Urinportion gehört selbstverständlich zur Sammlung. Es ist darauf zu achten, dass der Patient während der Sammelzeit mindestens 2 Liter Flüssigkeit zu sich nimmt.

Kontrolle der Vollständigkeit des gesammelten Urins: das Volumen sollte bei einem Nierengesunden grösser als 900 mL sein und der Creatinkoeffizient sollte bei einem Mann grösser als 80 µmol/kg Körpergewicht und bei einer Frau grösser als 62 µmol/kg Körpergewicht sein (Qualitätskontrolle).

 
Technik der Urinsammlung  
Mittelstrahlurin 
Von der Technik her ist Mittelstrahlurin (clean catch) unbedingt zu empfehlen: Reinigung des äusseren Genitale, erste Urinportion verwerfen (d.h. ca. 20-30 mL), zweite Portion in einem sterilen Röhrchen sammeln, ohne dabei den Urinstrahl zu unterbrechen. Im Hinblick auf mikrobiologische Untersuchungen sollen dabei keine Desinfektionsmittel verwendet werden. Bei Vorliegen einer Menstruationsblutung ist, falls möglich, ein Tampon einzulegen und die Periurethralgegend gut zu waschen.

Achtung: 

  • übereifrige Reinigung des Genitale kann zu kleinen Blutungen und damit zur Beimengung von Erythrozyten führen.

Blasenkatheterurin 
Entnahme des Urins über einen in die Harnblase eingelegten Katheter. die ersten 200 mL werden verworfen. Auf das Einführen eines Katheters lediglich zur Untersuchung des Urins wird im allgemeinen verzichtet, da dabei eine Infektion eingeschleppt werden kann. Eine der wenigen Indikationen ist ein unklarer bakteriologischer Untersuchungsbefund, falls die suprapubische Blasenpunktion nicht angewendet werden kann. 

Wurde ein Dauerkatheter eingelegt, so kann dieser an einer zuvor mit 2-Propanol gereinigten Stelle punktiert und mittels einer Spritze Urin entnommen werden.

Achtung: 

  • kleine Verletzungen, wie sie beim Einführen eines Katheters möglich sind, können zur Beimengung von Erythrozyten führen. 
     
  • Urin von Drainagesystemen darf nicht für mikrobiologische Diagnostik verwendet werden, da so falsch hohe Keimzahlen vorgetäuscht werden.

Blasenpunktion 
Urin kann direkt durch Punktion der Harnblase oberhalb der Symphyse (suprapubisch) gewonnen werden. Voraussetzung für eine gefahrlose Punktion ist eine gut gefüllte Harnblase. Der Patient muss daher angehalten werden, viel Flüssigkeit zu sich zu nehmen, was zu einem entsprechend stark verdünnten Urin führt.

Urin, der durch eine Blasenpunktion gewonnen wurde, ist wegen der sterilen Entnahmebedingungen vor allem geeignet zum Nachweis einer Bakteriurie. Hingegen ist zu bedenken, dass bei grosser Verdünnung des Urins bei quantitativen Bestimmungen entsprechend tiefe Konzentrationen gemessen werden. 

Achtung: 

  • kleine Verletzungen, wie sie bei der Punktion möglich sind, können zur Beimengung von Erythrozyten führen.

Zystoskopie (Harnblasenspiegelung) 
Zur Beurteilung der Harnblasenschleimhaut wird ein Zystoskop durch die Harnröhre bis in die Blase eingeführt. Zusätzlich kann man einen feinen Katheter durch die Harnleiteröffnung bis zu den Nierenkelchen vorschieben. Diese Technik wird benutzt um seitengetrennt Urin zu sammeln oder um Röntgenkontrastmittel einzuspritzen (retrograde Pyelographie). Eine seitengetrennte Untersuchung des Urins ist notwendig, wenn durch andere Mittel keine Seitenlokalisation der Erkrankung möglich ist. 

Ureterurin 
Die beiden Ureter werden katheterisiert und der Urin seitengetrennt gewonnen. Dieses Vorgehen ist zur Seitenlokalisation bei der Abklärung einseitiger Nierenerkrankungen angezeigt.

Die 2-Gläser-Probe 
zur groben Lokalisation des pathologischen Geschehens kann die 2-Gläser-Probe verwendet werden:
Der Patient entleert den Urin nacheinander in 2 verschiedene Probengefässe. Stammt eitriger oder blutiger Urin aus Niere oder Harnblase sind beide Portionen gleichmässig verfärbt. Stammen die Beimengungen aus der Harnröhre, so ist vor allem der Inhalt des ersten Probengefässes getrübt oder blutig verfärbt.

 
Qualitätskontrolle 

Die Aussagekraft der Untersuchungen hängt gerade beim Urin sehr stark von einer korrekten Sammlung und einem zeitgerechten Transport in das Labor ab.  Es empfiehlt sich insbesondere auch bei einem 24-Stunden zu überprüfen, ob die Sammlung korrekt, d.h. vor allem vollständig,  durchgeführt wurde. Ohne jemandem eine schlechte Absicht zu unterstellen, muss wieder einmal erinnert werden, dass die fehlerfreie Sammlung eines Urins über 24 Stunden sehr schwierig und anspruchsvoll ist. 

Eine ganz andere Situation liegt beim Nachweis eines Drogenabusus vor. Die Einnahme von Drogen wird vorzugsweise durch Untersuchung des Urins nachgewiesen. Da Drogenkonsumenten oft versuchen Urinproben zu verfälschen, muss das Spezimen vom Labor überprüft werden, um falsch negative Befunde zu vermeiden.

Methoden zur Verfälschung einer Urinprobe 

  • Verdünnung der Probe mit Wasser (z.B. aus der Toilette).
  • Zugabe von Essig, Kochsalz, Augentropfen (Visine), flüssiger Handseife (aus Dispensern der Toilette), “Dramo” (Mittel zum Entstopfen der Abfallrohre), ätzende Haushaltreiniger, Bleichmittel (z.B. Javelwasser), “Golden tea” (Kräutertee), Zitronensaft-Konzentrat, Apfelsaft usw.

Überprüfung der Urinprobe 
Im Labor bestehen folgende Möglichkeiten zu überprüfen, ob der Urin gefälscht wurde:

  • Messung der Creatininkonzentration
  • Bestimmung des Refraktionsindexes
  • Kontrolle des Urins auf Präzipitate oder Festkörper
  • Kontrolle der Urinfarbe
  • Überprüfung ob das Spezimen nach Urin riecht
  • Überprüfung mit einem Urin-Stix auf pH (normalerweise zwischen pH 6 und pH 8), Glukose (negativ), Azeton (negativ).

Besteht der Verdacht, dass ein drogenfreier Fremdurin mitgebracht und anstelle der eigenen Probe abgegeben wird, so empfiehlt sich folgendes Vorgehen:

  • Messen der Urintemperatur unmittelbar nach der Miktion.
    Frisch gelassener Urin hat während ca. 4 Minuten eine Temperatur von 32°C bis 37,7°C, während eine aussen am Körper angebrachte Urinprobe in der Regel niedrigere Temperaturen aufweist.

Überprüfung der 24-Stunden Urinsammlung auf Vollständigkeit  

  • Volumen: grösser als 900 mL bei Nierengesunden
  • Bestimmung des Creatininkoeffizienten:
     
        Creatininausscheidung/24h 
    Creatininkoeffizient (µmol/kg)  -------------------------------------------------
        Körpergewicht

Creatinin ist ein Endprodukt aus dem Muskelstoffwechsel, das im Urin in Beziehung zur Muskelmasse und damit zum Körpergewicht ausgeschieden wird.

Normwerte: 
Frauen: 62-185 µmol/kg Körpergewicht
Männer: 80 - 220 µmol/kg Körpergewicht

 zu: Einfluss der Diurese


21.11.2000 / hpk